Ein Blick hinter die Kulissen von ENGI

Im Zuge meines Japanurlaubs hatte ich die Möglichkeit, Einblicke in die Hallen eines Animestudios zu bekommen. Lest hier meine Eindrücke!

Der Studiobesuch wurde von FBC J-Culture ermöglicht. Vielen Dank für diese Möglichkeit!
Der Studiobesuch wurde von FBC J-Culture ermöglicht. Vielen Dank für diese Möglichkeit!

Das Arbeiten in einem Animestudio bekommt man als Animefan im Grunde nur über zwei Wege mit: entweder auf Anime-Conventions, wenn entsprechende Personen vor Ort sind, um ihre Werke zu bewerben, oder über Dokumentationen. Hin und wieder gibt es auch offizielle Behind-the-Scenes-Einblicke, diese bleiben jedoch meist nur auf kleinere Ausschnitte beschränkt.

Gerade für jemanden wie mich, der im Rahmen seiner Schreiblaufbahn bereits ein Synchronstudio besuchen durfte und sich generell viel mit den Menschen hinter Animeproduktionen beschäftigt, war es schon lange ein Traum, so etwas nicht nur von außen zu sehen, sondern einmal hautnah dabei zu sein. Das änderte sich nun in meinem Japanurlaub im Mai 2026.

(K)eine alltägliche Möglichkeit

Mittwoch, 20. Mai in Tokio. Unter der aufkommenden Mittagssonne und bereits nicht wirklich angenehmen 25 °C um 10:50 Uhr betrat ich, sehr aufgeregt, gemeinsam mit meiner Dolmetscherin und Übersetzerin Ekatherina Mikulich ein unscheinbares Bürogebäude.

Das Ziel war der dritte Stock, denn dort befindet sich die Main Lobby des Animestudios ENGI, das 2018 als Joint Venture zwischen KADOKAWA, der Sammy Corporation und Ultra Super Pictures gegründet wurde. Seit der Gründung hat sich ENGI sowohl durch Auftragsarbeiten als auch durch eigene Produktionen etabliert. Dazu zählen unter anderem Uzaki-chan Wants to Hang Out!, The Detective Is Already Dead, Gamera -Rebirth-, Unnamed Memory sowie Medalist.

Aktuell (Mai 2026) laufen mit Ghost Concert: Missing Songs, einem Anime-Original zu einem Mixed-Media-Projekt, sowie der zweiten Staffel der ONA-Serie Odekake Kozame gleich zwei Titel im Anime-Programm.

Der dritte Stock: Die linke Herzkammer von ENGI

Begrüßt wurden wir neben der Pressesprecherin von ENGI außerdem von Takayuki Tahata, dem Digital Drawing Department Senior Manager.

Nach einem Interview mit Yutaro Hoshino in einem separaten Konferenzraum und der Übergabe eines kleinen Geschenks meinerseits begann direkt die Führung durch das Studio.

Und ja: Wer Anime wie Shirobako gesehen hat (große Empfehlung, falls nicht), wird vieles wiedererkennen. Nicht nur die Struktur der einzelnen Etagen, sondern auch die Atmosphäre selbst ist ein klassischer Büroalltag: ruhig, konzentriert, mit bewusst leiser Kommunikation.

Die dritte Etage wird dabei zwischen den Zeichnern und dem Produktionskoordinatoren geteilt. Dadurch ermöglicht es den Produzenten, direkt Feedback geben zu können. Diese klare Abteilungstrennung erinnert stark an eine klassische Produktionspipeline, wie man sie aus Branchenberichten kennt.

Takayuki Tahata erklärte, dass ENGI seit der COVID-19-Pandemie vollständig auf digitale Workflows umgestellt habe. Das spare Zeit und Papier, auch wenn physische Storyboards und Cels im Alltag noch immer auftauchen. Ganz ohne analoge Elemente funktioniert selbst eine digitale Produktion offenbar nicht.

Zum Zeichnen wird im gesamten Studio CLIP STUDIO PAINT verwendet. Auch wenn die Software ursprünglich eher für Illustrationen gedacht ist, hat sie sich in vielen Studios als Standard etabliert, inklusive allen Vor- und Nachteilen.

Auf Nachfrage zur Datenspeicherung erklärte Tahata, dass alle Daten auf lokalen Servern liegen und nur innerhalb des jeweiligen Büros zugänglich sind. ENGI verfügt mittlerweile über drei Standorte in Japan: Tokio, Sapporo und Kurashiki.

Gerade bei externen Freelancern wird bewusst mit solchen Einschränkungen gearbeitet. Diese erhalten keinen direkten Zugriff auf die Systeme, sondern arbeiten weiterhin über klassische Wege mit versendeten Datenkopien. Ziel ist dabei vor allem der Schutz vor möglichen Leaks.

Ein Thema, das ebenfalls angesprochen wurde und gerade im Westen oft diskutiert wird, sind die Arbeitsbedingungen. Tahata hat mir dabei die Definition von „schwarzen“ und „weißen“ Firmen erklärt, bei der man in Japan seit den 2000ern im Allgemeinen bestimmte Firmenstrukturen beschreibt.

„Schwarze“ Firmen stehen für Studios mit hoher Crunch-Kultur und starkem Zeitdruck. „Weiße“ Firmen dagegen versuchen, eine möglichst gesunde Work-Life-Balance zu erhalten.

ENGI ordnet sich laut der Pressesprecherin klar in letzteres ein. Die Arbeitszeiten liegen von Montag bis Freitag zwischen 10:00 und 19:00 Uhr inklusive Pausen. Ab etwa 19:15 Uhr werden die Arbeitscomputer systemseitig gesperrt. Weiterarbeit ist nur in Ausnahmefällen und mit ausdrücklicher Genehmigung möglich.

Auch Zugangskarten sind ausschließlich werktags aktiv, um unkontrollierte Arbeit am Wochenende zu verhindern. Arbeiten nach Arbeitsschluss werden dadurch bewusst erschwert.

Die gesamte technische Ausstattung wird dabei vom Studio gestellt. Beim Blick über die Schulter einer Animatorin fielen mir beispielsweise zahlreiche Makro-Keys auf. Das sind individuelle Anpassungen, die laut Tahata auf Wunsch direkt eingekauft werden, um optimale Arbeitsbedingungen zu schaffen.

Der fünfte Stock: Die rechte Herzkammer von ENGI

Im Anschluss musste Tahata wieder an die Arbeit und wir konnten noch einen Blick in den fünften Stock werfen.

Hier zeigt sich eine andere Seite der Produktion: das CG-Department. Dieser Bereich ist für viele Animefans oft noch ein kritisches Thema, sind hier etwa die 3D-Modelle von Medalist entstanden. Auch die Erstellung von Illustrationen für Promo-Material oder anderweitige Produkte erfolgen im 5. Stock.

Im Vergleich zum dritten Stock fällt sofort die deutlich stärkere technische Ausrichtung auf: potentere Rechner mit entsprechender Abwärme. Gleichzeitig wird die Etage vielseitiger genutzt: Neben mehreren Konferenzräumen gibt es hier auch einen Pausenbereich mit Küchenzeile und kleiner Theke, der bewusst für Austausch zwischen Abteilungen gedacht ist.

Nach knapp 40 Minuten war die Führung bereits wieder vorbei. Zum Abschluss erhielt ich von Kawai noch Goodies zur aktuell laufenden Serie Odekake Kozame, darunter einen kleinen Münzbeutel, den ich während des restlichen Japanurlaubs gerne genutzt habe.

An dieser Stelle möchte ich mich ausdrücklich bei allen Beteiligten bedanken, die diesen Besuch möglich gemacht haben. Ein Animestudio einmal in der Realität zu sehen, ist eine Erfahrung, die keine Dokumentation und kein Anime über die Branche in dieser Form ersetzen kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Letzten Beiträge