Auf der AnimagiC 2026 in Mannheim hatte ich, powered by Crunchyroll, die Möglichkeit, ein Interview mit der deutschen Stimme von Yamada Kentaro aus dem RomCom Geheimtipp You and I Are Polar Opposites zu führen.
Herzlich willkommen auf der AnimagiC, Daniel! Ich hoffe, die Bahnfahrt verlief ohne größere Probleme. Ist das dein erstes Mal auf der AnimagiC oder wie sieht deine Messebesuch-Historie aus?
Hallo und vielen Dank! Ja, die Anfahrt war, sagen wir mal, typisch DB. *lacht* Aber ich bin jetzt hier und sehr glücklich. Ich muss zugeben, die AnimagiC ist meine erste Anime-Messe überhaupt und ich finde das Ganze richtig cool und aufregend. Bis auf Gaming-Messen bin ich eigentlich nicht so der Con-Geher, aber das kann sich ja noch ändern. Bislang habe ich jedenfalls wirklich sehr viel Spaß hier.
Also würdest du sagen, dass einem zweiten Besuch der AnimagiC wohl nichts mehr im Weg steht, oder?
Absolut! Aber dann gerne zusammen mit Freunden. *lacht*
Zunächst möchte ich mich für die tolle Synchronisation von You and I Are Polar Opposites bedanken. Wie lief denn das Casting zur Serie ab?
Vielen Dank, das freut mich wirklich zu hören! Das Synchronstudio, in dem You and I Are Polar Opposites aufgenommen wurde, hatte meine Stimmproben durch einige vorherige Rollen bereits in seiner Kartei. Als dann der Auftrag zur Serie kam, wurden meine Stimmproben zusammen mit denen vieler anderer Kollegen an den Kunden geschickt.
Anschließend wurde entschieden, welche Stimme am besten zu Yamada passt. Und so kam es dann letztendlich dazu. *lacht*
Dich hat man vor allem in Anime gehört, in denen deine Charaktere oft laut geschrien und viele Emotionen gezeigt haben. Wie schwer war es für dich, im Kontrast dazu einen eher ruhigen Eigenbrötler wie Yamada zu sprechen?
Stimmt, gerade im Anime-Bereich habe ich häufig eher laute Charaktere gesprochen. Da ist so ein ruhiger Charakter natürlich ein deutlicher Kontrast. Yamada fühlt sich allerdings sehr natürlich an, weshalb ich mich gut in ihn hineinversetzen konnte. Ich musste mich allerdings an seine jugendliche und lockere Art anpassen. Er ist schließlich erst 17. *lacht*
Hattest du auf der AnimagiC schon die Möglichkeit, mit Anji Iwata, deinem japanischen Yamada-Kollegen, zu sprechen?
Ja. *lacht*
Oh! Was war deine erste Frage an ihm?
Am Donnerstag gab es eine Dinnerparty und dort haben wir uns unterhalten. Neben dem üblichen Smalltalk ging es vor allem um unsere durchaus ungewöhnlichen Werdegänge. Das war wirklich interessant für mich, weil ich bislang noch nie mit einem japanischen Synchronsprecher gesprochen habe, gerade nicht im professionellen Umfeld.
Anji Iwata ist in Japan bei einer Agentur unter Vertrag. In Deutschland ist das eher untypisch und meist nur bei den ganz großen Namen der Fall. Welche Vorteile hat man denn, wenn man bei einer Agentur unter Vertrag steht?
Absolut richtig, das ist in Deutschland deutlich seltener. Ich bin selbst freischaffend tätig. Der größte Vorteil einer Agentur ist ihr Netzwerk. Dadurch können Rollen vermittelt werden, an die man sonst vielleicht gar nicht herankommen würde. Außerdem ist es immer hilfreich, einen direkten Ansprechpartner zu haben, wenn es etwa um Gagen oder aktuell ein sehr wichtiges Thema wie die Rechtevertretung geht.
Wenn man dir anbieten würde, einer Agentur beizutreten, würdest du das annehmen?
Ich würde mir erst einmal den Sales Pitch anhören und dann abwägen. Komplett uninteressant ist das für mich nicht. Allerdings hatte ich das Glück, mich in meiner Heimatstadt Hamburg bereits selbstständig etablieren zu können. Dort würde mir eine Agentur vermutlich weniger Vorteile bringen. Anders sieht das natürlich in anderen Synchronstädten wie Berlin oder München aus. Da kann das angesprochene Netzwerk einer Agentur mit Sicherheit sehr interessant sein. Am Ende ist es aber eine Frage der persönlichen Abwägung.
Japanische Synchronsprechende haben oft die besondere Situation, dass die Szenen noch nicht vollständig animiert sind und man vieles interpretieren muss. Wie würdest du auf so eine Situation reagieren?
Ich muss sagen, gänzlich unbekannt ist mir so etwas nicht. Auch wenn man es nicht direkt vergleichen kann: Neben Anime spreche ich auch in Videospielen und Hörbüchern. Gerade Letztere haben ja ebenfalls kein Bild und man muss anhand des Textes sowie der Szenenbeschreibungen performen. Deshalb kann ich mir durchaus vorstellen, wie so etwas funktioniert.
Wie ist es, in Hamburg bei DMT unter Stefanie Damare zu arbeiten?
Die Arbeit ist fantastisch. Ich kann wirklich sagen, dass alle Beteiligten große Fans der Serie sind. Sie fiebern genauso mit wie ich und gerade der Romanzen-Aspekt von You and I Are Polar Opposites sorgt immer wieder für Diskussionen im Studio.
Stefanie schaut dabei sehr genau darauf, wie man Szenen verbessern kann, ohne die Essenz und den Flair des Originals zu verwässern. Und das finde ich persönlich sehr wertvoll.
Wie stehst du zum Pendeln, etwa um neue Studios kennenzulernen?
Das ist wieder eine Abwägungsfrage, bei der ich grundsätzlich offen bin. Mittlerweile arbeite ich nicht nur in Hamburg, sondern habe auch Kunden in Bonn oder Berlin. Wichtig ist für mich vor allem, dass man mich wie andere Sprechende behandelt, auch wenn die öffentlichen Verkehrsmittel einem manchmal einen Strich durch die Rechnung machen oder ich morgens um fünf Uhr losfahren muss.
Und klar, um neue Kunden zu gewinnen, habe ich auch schon Aufträge angenommen, die sich nach Abzug der Reisekosten wirtschaftlich für mich kaum gelohnt haben. Da habe ich aber auch klare Grenzen für mich und die Studios gezogen und gesagt: „Bitte nicht für Kleinigkeiten anfragen, sondern für richtige Synchronrollen.“ Am Ende muss man immer abwägen.
Du hast vorhin einen guten Punkt angesprochen: Die Serie besticht durch eine Vielzahl an Personen und Pärchen. Wer ist, neben Yamada natürlich, dein Favorit, was Figuren und Beziehungen angeht?
Taira! Er ist sehr besonders. Die Gefühle, die er ausdrückt, sind sehr pessimistisch und er denkt über vieles sehr rational und unromantisch nach. Und trotzdem lebt er sein Leben weiter und sieht, dass er Freunde hat, die zu ihm stehen und ihm zeigen, dass er nicht alleine ist. Genau das macht ihn so cool.
Du hast mit Sicherheit auch von den aktuellen KI-Klauseln gehört. Wie stehst du dazu? Denn ich habe gehört, dass die Auftragslage einige Sprechende dazu zwingt, diese trotzdem zu unterschreiben.
Ich habe bisher sämtliche Aufträge abgelehnt, bei denen kein KI-Ausschluss zugesichert wurde, und plane auch weiterhin so vorzugehen. Aktuell halte ich das leider für sehr sinnvoll. Es ist noch immer nicht klar, wie stark KI die Synchronwelt beeinflussen wird. Ob wir unsere Arbeitsweise verändern müssen, ob dadurch weniger Sprechende benötigt werden, während gleichzeitig mehr Inhalte produziert werden können und vieles mehr.
Mein Wunschszenario ist, dass wir als Branche diesen KI-Hype überstehen. Mittlerweile wird versucht, KI nicht nur als Werkzeug zu sehen, sondern immer mehr Aufgaben vollständig davon übernehmen zu lassen. Ich hoffe, dass wir danach eine Zeit erreichen, in der wir konstruktiv damit arbeiten können, ohne dabei die Rechte der Sprechenden außer Acht zu lassen.
Und dann wären da noch zwei Anime-Synchronisationen, die durch besondere Studiostandorte (Spanien und Südafrika) aufgefallen sind. Hast du dort schon reingehört und was ist deine Meinung dazu?
Nein, ich habe noch nicht reingehört. Einige Szenen wurden mir allerdings zugeschickt und ich kenne die Reaktionen innerhalb der Bubble. Ich kann nachvollziehen, warum sich viele darüber aufregen. Ich hoffe, dass der Aufschrei groß genug ist und die Verantwortlichen erkennen, dass dieser große Qualitätsunterschied nicht durch reine Kosteneinsparungen gerechtfertigt werden kann.
Wenn der Aufschrei der Fans allerdings ausbleibt und man sieht, dass solche Entscheidungen akzeptiert werden, dann ist das leider so.
Dass solche Entscheidungen getroffen werden, obwohl man eigentlich wissen sollte, dass Deutschland ein Synchronland ist, macht das Ganze noch unglaublicher.
Genau. Gerade Deutschland hat in diesem Bereich sehr viel zu verlieren. Erst durch die Synchronisation ist der Standort für viele Produktionen so attraktiv geworden. Dass nun versucht wird, Kosten einzusparen, damit am Quartalsende höhere Boni an Investoren ausgezahlt werden können, finde ich sehr bedenklich.
Deine Worte an die Fans von You and I Are Polar Opposites?
Schaut gerne weiter! *lacht* Und an alle, die noch unsicher sind: Schaut unbedingt einmal rein. Die Serie ist selbst für eine Romanzen-Serie sehr ungewöhnlich, gerade was die Dramatik angeht, und spielt bewusst mit den Erwartungen der Zuschauenden.
Es ist sehr erfrischend zu sehen, wie die Charaktere ihre Probleme direkt miteinander ansprechen, anstatt alles in sich hineinzufressen.
Vielen Dank für das Interview und dir noch viel Spaß auf der AnimagiC!
KV: ©Kocha Agasawa/SHUEISHA, You and I Are Polar Opposites Committee
Interview geführt von: Steven Rettka