Im Interview mit ENGI-Produzent Yutaro Hoshino

Im Zuge meines Japanbesuchs hatte ich nicht nur die Gelegenheit, ein Animestudio von Innen zu sehen, sondern auch mit dem Animeproduzenten Yutarou Hoshino ein Interview zu nehmen. Was er zur Animeproduktion zu sagen hat oder ob er lieber Anime-Originale produziert, erfahrt ihr hier!

Der Studiobesuch und das Interview wurde durch FBC J-Culture ermöglicht. Vielen Dank für diese Möglichkeit!
Der Studiobesuch und das Interview wurde durch FBC J-Culture ermöglicht. Vielen Dank für diese Möglichkeit!

Danke für die Möglichkeit, dass ich hierherkommen durfte. Es ist schon ein Privileg, live in einem Anime-Studio sein zu können. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen?

Ich bin Yutaro Hoshino und ENGI ist das erste Anime-Studio, in dem ich arbeite. Ich war seit der Gründung des Studios dabei und habe an der Produktion mitgewirkt.

Wie sind Sie zu ENGI gekommen? Sie waren anscheinend schon in verschiedenen Producer-Rollen tätig. Könnten Sie die Unterschiede nennen und welche Aufgaben die jeweiligen Rollen haben?

Ich wollte bei ENGI arbeiten, weil es hieß, dass die Produktion komplett digital ablaufen sollte. Ursprünglich wurden Anime ja auf Papier gezeichnet, aber heute und in Zukunft geht es nicht mehr ohne Computergrafik. Bei ENGI sollte es von Anfang an eine CG-Abteilung geben. Das reizte mich und ich dachte, dass ich hier bestimmt an interessanten Werken mitarbeiten kann.

Zuerst fing ich als Produktionsassistent an, ganz unten in der Hierarchie. Ich habe Animatoren eingestellt, am Schnitt mitgearbeitet … Jetzt als Produzent kümmere ich mich auch um die Besetzung anderer Teamrollen und versuche die richtigen Leute zu finden, damit das finale Werk die Vorstellungen des Regisseurs erfüllt. Ich schaue auch, wie viel Qualität wir herausholen können, und solche Dinge. Und natürlich ist auch die Verwaltung der finanziellen Mittel wichtig. Darum kümmere ich mich ebenso.

Alles klar. Soweit ich weiß, wirken Sie als Produzent gerade an mehreren Produktionen mit. Wie läuft das organisatorisch denn so ab? Welche Herausforderungen gibt es, wenn zwei Produktionslinien gleichzeitig überwacht werden müssen?

Aktuell arbeite ich an Ghost Concert und Odekake Kozame. Diese zwei Animes haben, wie soll ich sagen, völlig unterschiedliche Stile und Inhalte. Die Charaktere sehen auch sehr verschieden aus – kleine niedliche Figuren in dem einen, realistische in dem anderen Werk. Da war es nicht leicht, jeweils die Zeichner zu finden, die genau den richtigen Stil treffen können.

Das verstehe ich gut. Auf welche Faktoren müssen Sie bei zwei Produktionen gleichzeitig noch schauen – gibt es zum Beispiel knappe Deadlines oder so?

In visueller Hinsicht wollten wir Ghost Concert besonders realistisch darstellen und haben daher viel mit CG gearbeitet. Hintergründe, Effekte – da kam viel CG zum Einsatz. Odekake Kozame spielt dagegen in einer märchenhaften Welt. Die Konturen sollten wie von Hand gezeichnet aussehen, und auch sonst haben wir ganz andere Techniken benutzt. Das war schon eine Herausforderung.

Was Zeitplanung und Deadlines angeht, kann ich sagen: Viel CG zu benutzen heißt auch, dass viele Studioabteilungen durchlaufen werden müssen, und da kann es schon mal schwierig sein, alles rechtzeitig fertigzubekommen.

Sie haben auch bei In Another World With My Smartphone mitgewirkt, sind jedoch erst in Staffel 2 eingestiegen. Gab es da eine Art Übergabe vom Produktionsmanager der ersten Staffel? Oder wie kann man sich so einen Personalwechsel vorstellen?

So etwas wie eine Übergabe gab es eigentlich nicht. Ich habe nur das Material der ersten Staffel bekommen, mir alles angeschaut und es gründlich studiert. Dadurch verstand ich, wie die erste Staffel produziert worden war, und überlegte mir, wie ich es machen soll.

Haben Sie die Daten digital oder analog als Mappe bekommen?

Ich habe alle Daten digital bekommen.

Noch eine Frage zu In Another World With My Smartphone: Dieser Anime war eine Koproduktion mit J.C.STAFF. Wie kann man sich in so einem Fall den Arbeitsablauf vorstellen und wie lief die Kommunikation zwischen den zwei doch recht weit auseinandergelegenen Studios ab?

Wir haben die Arbeitsschritte untereinander aufgeteilt, zum Beispiel hat J.C.STAFF das Drehbuch geschrieben und wir haben davon ausgehend Setting und Storyboard erstellt, und dann wurde animiert. Zu der Zeit war noch nicht alles digitalisiert, wir haben auch Papier benutzt. Deswegen kam es schon mal vor, dass jemand hinfahren und Material bringen musste, trotz der größeren Entfernung. Mal ist jemand von uns hingefahren, mal ist jemand von J.C.STAFF gekommen. Mobilität war an der Tagesordnung.

So etwas habe ich im Anime SHIROBAKO gesehen. Interessant, dass es tatsächlich auch so sein kann. Vorhin haben Sie auch die finanziellen Mittel erwähnt. Im Westen gibt es unterschiedliche Vorstellungen und teilweise sogar Irrglauben darüber, wie sich die Höhe des Budgets auf die Produktionsqualität auswirkt. Können Sie dazu etwas sagen? Stimmen Sie zu, dass eine Serie mit höherem Budget automatisch bessere Qualität hat? Welche Rolle spielt Geld bei der Produktion eines Anime?

Ja, ich kann zustimmen, dass ein hohes Budget auch die Qualität des Werks steigert. Natürlich kommt es auch auf den Inhalt an, aber mit einem höheren Budget können wir es uns leisten, gute Leute zu engagieren – talentierte Videoeditoren, Hintergrundzeichner und so weiter. Das gilt für Mitarbeiter in allen Abteilungen. Auch können wir leichter berühmte Personen der Branche anfragen, wenn wir viel Geld zur Verfügung haben. Von daher, ja, simpel ausgedrückt bedeutet ein höheres Budget auch bessere Qualität. Und es gibt mehr zeitlichen Spielraum. Man muss sich mit der Produktion nicht so beeilen und kann sich in Ruhe dem Werk widmen. Das ist auch ein Vorteil.

ENGI gehört als Tochterunternehmen zu Kadokawa. Wie stark beeinflusst die Arbeit mit bzw. unter Kadokawa die Produktion? Können Sie dazu etwas erzählen?

Dadurch, dass es bei Kadokawa viele verschiedene Titel gibt, haben wir eine große Auswahl an Werken, die wir produzieren können. Ein weiterer Vorteil ist, dass es bei Kadokawa auch viele Personen gibt, die sich mit Anime auskennen und die ganze Zeit Anime produzieren. Von ihnen können wir Tipps und Hilfe bekommen. Da ist ein spezielles Anime-Team bei Kadokawa, mit dem wir zusammenarbeiten. Diese Möglichkeit der Kooperation im Team unterscheidet uns von anderen Studios.

Wie kann man sich das vorstellen? Ich ging bisher davon aus, dass Sie von Kadokawa angefragt werden und dann wird die gewünschte Serie produziert. Aber es klingt, als könnten Sie aus einer Art Katalog wählen, was sie gern machen würden oder welcher Titel für Sie interessant klingt. Wie wird das genau entschieden?

Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Manchmal will Kadokawa, dass wir eine ganz bestimmte Serie produzieren, und das tun wir dann auch. Oder sie geben uns eine Liste von Titeln und fragen uns, welchen davon wir gern machen würden. Andersherum kann auch ENGI selbst darum bitten, ein bestimmtes Werk produzieren zu dürfen, und dann beraten wir uns mit Kadokawa, ob es möglich ist.

Ghost Concert ist ja ein Mixed-Media- bzw. Originalprojekt. Wie ist das im Vergleich zu einer klassischen Novel- oder Manga-Adaption? Welche Unterschiede gibt es, was müssen Sie beachten?

Ja, es ist eine Originalproduktion, mit Liedern als Vorlage. Die größte Herausforderung lag darin, festzulegen, was genau für ein Anime, was für eine Geschichte das werden soll. Für Ghost Concert hat der Regisseur das Drehbuch geschrieben und ich habe dann mit meinem Team gemeinsam versucht die Bilder umzusetzen, die der Regisseur wohl im Kopf hatte. Alle im Team haben ihre visuellen Ideen miteinander geteilt und daraus haben wir dann etwas Neues geschaffen. Darin zeigte sich die Schwierigkeit, aber auch der Reiz eines Originalwerks.

Außerdem kam noch der Aspekt dazu, dass Lieder enthalten sind: Wie fügen wir sie in den Anime ein? Sie mussten eben auch mit der Geschichte, mit der Story verbunden sein. Das war für mich jedes Mal schwierig.

Würden Sie noch mal einen Originaltitel machen, bei dem Sie vielleicht auch das komplette Zepter über die Produktion in Ihren Händen haben? Oder würden Sie klassische Adaptionen bevorzugen, mit Light Novel oder Manga als Vorlage?

Na ja, ein Originalwerk zu produzieren, ist schon sehr schwierig. Aber gleichzeitig ist es auch sehr interessant, deshalb würde ich es jederzeit wieder machen. Auf der anderen Seite mag ich es jedoch auch, Anime aus Vorlagen wie Novels und Manga zu produzieren. Das ist zwar ein bisschen anders, aber es macht mir Spaß, dann jeweils zu schauen, wie ich bestimmte Dinge als Anime umsetze. Von daher will ich das auch gern wieder tun.

Haben Sie jemanden als Vorbild, egal ob Produzent oder nicht? Gibt es Personen, zu denen Sie aufschauen?

Ich glaube, der Erste, der mein Interesse für die Anime-Produktion geweckt hat, war Mamoru Oshii. Er gehörte einem Team von Anime- und Manga-Künstlern an, das sich Headgear nennt. Ich wollte auch in einem Team arbeiten, in dem alle die gleichen Ziele und die gleiche Leidenschaft haben.  

Dann kommen wir auch fast schon zur letzten Frage: Inwieweit sind Sie bzw. ENGI in nächster Zeit ausgelastet mit Projekten? Man hört im Westen viel davon, dass Anime-Studios über lange Zeit ausgebucht oder sogar überlastet sind, weil Personal fehlt. Wie sieht es bei Ihnen die nächsten ein, zwei Jahre aus?

Welche Serien produziert werden, steht bei uns schon bis 2028, sogar 2029 fest. Und was das Personal angeht, ja, ich glaube, es werden gerade so genug Leute sein. Es wäre leicht, wenn wir einfach nur festlegen müssten, wer an einem bestimmten Titel mitarbeitet. Aber wahrscheinlich werden es nicht genug sein. Deswegen will ich auf jeden Fall noch weitere Personen an Bord holen.

Würden Sie denn auch Freelancer aus dem Ausland in Betracht ziehen? Wie sieht es da bei ENGI aus? Man hört immer öfter, dass japanische Studios ausländische Animatoren beauftragen. Haben Sie das schon mal in Betracht gezogen? Oder arbeitet ENGI sogar bereits mit Animatoren aus anderen Ländern zusammen?

Wir haben schon mal Aufgaben ins Ausland verlagert, früher aber vor allem innerhalb Asiens, also China, Korea und so weiter. Jetzt, da die Digitalisierung noch weiter fortgeschritten ist, können wir auch mit Personen aus Amerika und Europa zusammenarbeiten. Dabei kommt es auch vor, dass wir uns selbst bei Freelancern melden. Aktuell haben wir bei Ghost Concert und Medalist ein paar solcher Freelancer, die aus dem Ausland mit uns arbeiten. Ich glaube, dieser Trend wird sich in Zukunft noch fortsetzen.

So etwas ist für mich interessant zu sehen, auch die Geschichten dahinter. Und natürlich die Begeisterung, wenn jemand aus Europa an einem japanischen Anime beteiligt ist.

Das wird es bestimmt noch öfter geben. Ich glaube, in Zukunft werden sogar nicht nur Animatoren, sondern auch Regisseure, Editoren und so weiter engagiert.

Dann bedanke ich mich sehr für Ihre Zeit und ich habe noch ein kleines Präsent aus München für Sie dabei, Schokolade von Dallmayr.

Vielen Dank!

Übersetzung und Dolmetscherin: Ekaterina Mikulich
Interview geführt von Steven Rettka

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