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Patrick Baehr über die toxische Mentalität der Anime-Fans

Wir sprechen über die toxische Mentalität in der Anime-Szene und dem Traumjob Anime-Synchronsprecher.

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Manchen Animefans sind deutsche Synchronsprecher ein Dorn im Auge. Egal wie sehr ein Sprecher oder eine Sprecherin sich anstrengt, es gibt immer kritische Stimmen. Vor Kurzem wurde diese Grenze aber überschritten. Ich habe dazu Patrick Baehr befragt und um seine Meinung gebeten. Herausgekommen ist ein Interview, das einen interessanten Einblick hinter die Kulissen der Synchronwelt gibt. Viel Spaß!

Hallo Patrick, vielen Dank, dass du dir Zeit für das Interview genommen hast. Für die Leser, die dich noch nicht kennen: Stell dich kurz vor, wo hört man dich?

Kurz und knapp: Patrick Baehr, 29 Jahre alt, Synchronsprecher und Dialogregisseur in Berlin. Und dann kommt schon die Frage, auf die man nie die passende Antwort hat. DC- und Fantasy-Fans kennen meine Stimme vielleicht durch den Schauspieler Ezra Miller alias The Flash aus Justice League oder Credence aus Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind. In der Amazon-Serie The Boys spreche ich Hughie, in Star Trek: Lower Decks den spießigen Ensign Brad Boimler, Lio Fotia im Anime Promare, Falco in Attack on Titan oder Nice in Hamatora.

Du sprichst bereits seit dem 9. Lebensjahr verschiedene Rollen. Deine erste Anime-Rolle hattest du 2002 bei RTL2-Klassiker Hamtaro. Wie bist du in die Branche gekommen, wie kam es zur Anime-Synchronisation?

Angefangen habe ich als kleiner Junge vor der Kamera. Als dann mal für eine Produktion die Tonspur im Studio nachproduziert werden musste, hat mir der dortige Dialogregisseur die Möglichkeit gegeben, mich im Synchron auszuprobieren. Und so bin ich da langsam reingerutscht. Später habe ich dann mein Hobby zum Beruf gemacht.

Anime zu synchronisieren war kein bewusster Entschluss. Früher oder später leiht man seine Stimme auch Figuren aus Anime und ich mag es. Es ist eine schöne Abwechslung zu den überwiegend amerikanischen Produktionen.

Ich muss gestehen: Hamtaro hatte ich tatsächlich gar nicht mehr auf dem Schirm.

Seitdem sind einige Jahre vergangen, aktuell hört man dich als Gen Asagiri in Dr. Stone oder als Yusuke Yotsuya in I’m Standing on a Million Lives. Welche Rolle ist dir bislang besonders in Erinnerung geblieben?

Aus Anime? Gen ist schon einfach toll. Perfekt, um mal richtig Vollgas zu geben. Er ist mir wirklich ans Herz gewachsen. Aber auch Lloyd Irving aus Tales of Symphonia ist eine Figur, die mir sehr gut gefallen hat. Und an Lio Fotia aus Promare komme ich auch nicht vorbei, einfach weil die Synchro als Ganzes so einen Spaß gemacht hat.

Aus aktuellem Anlass: Deutsche Anime-Synchronsprecherinnen haben öffentlich Zuspruch und Solidarität wie noch nie zuvor bekommen. Sowohl zahlreiche Publisher als auch viele Fans und Kollegen haben ihre Stimme gegen den sehr toxischen Teil der Anime-Community erhoben. Wie ist deine Meinung dazu?

Solche Leute nerven tierisch. Es ist beschämend, was im Internet über von mir geschätzte Kolleginnen geschrieben wird. Solche Beiträge sind peinlich und unreflektiert, dabei wäre hochwertige und konstruktive Kritik, gerade im Anime-Bereich, sehr wichtig. Es gibt sicher genügend Beispiele für nicht gelungene Anime-Synchronisationen, aber durch “klingt alles Scheiße, nur drittklassige Sprecher” wird sich daran ganz bestimmt nichts ändern. 

Wie sieht konstruktive Kritik für dich aus? Und sollte man diese Kritik dem Synchronsprecher schreiben oder dem Synchronstudio das mitteilen?

Zunächst einmal gilt es, herauszufinden, wem die Kritik überhaupt gilt. Hast du das Gefühl, die Sprecher schlafen beim Reden ein? Dann wird das Dialogbuch wahrscheinlich überwiegend zu wenig Text in den Dialogen gehabt haben. Reden die Figuren aneinander vorbei? Vielleicht war es ein Regiefehler. Reden die Figuren nicht dann, wenn sie ihre Münder öffnen, gab es vielleicht Probleme im Schnitt.

Nicht immer sind Sprecher daran schuld, wenn man bei der Synchronfassung eines Films oder einer Serie ein komisches Gefühl bekommt. Und wer anschließend seine Gedanken in einer respektvoll formulierten Privatnachricht oder Mail mitteilt, wird eventuell erstaunt sein, wie viele Kolleginnen und Kollegen sich über solchen Input freuen.

Woher denkst du, kommt diese toxische Mentalität der Animefans gegenüber der deutschen Synchro?

Diese negative Haltung gegenüber deutschen Synchronisationen ist nicht nur ein Problem der Anime-Community. Vielmehr ist es dieser Irrglaube, Filmkunst nur in der Originalsprache wirklich “erleben” zu können. Viele sehen es dann zusätzlich als ihren wichtigen – pseudo-intellektuellen – Beitrag zur Gesellschaft, diese Einstellung auch anderen Menschen einreden zu müssen.

Im Anime-Bereich fallen diese Stimmen eventuell stärker ins Gewicht, weil die Synchronarbeit den Zuschauern viel präsenter ist als in anderen Genres. Trotzdem: Man darf da auch nicht pauschalisieren. Nur, weil einige am lautesten schreien, spiegeln sie nicht den überwiegenden Teil der Animefans wieder.

Immerhin ist dieser kleine Teil der Animecommunity so laut, dass sogar Publisher Rollen kurzfristig umbesetzt haben. Zum Nachteil der eigentlichen Synchronsprecher. So sollte doch Kritik nicht ablaufen, oder?

Natürlich nicht, aber in einem solchen Fall verstehe ich zusätzlich das Verhalten der Publisher nicht. Für mein Empfinden sind manche Entscheidungsträger der Verleihe allgemein zu ängstlich. Egal, ob es um Besetzungen, lockere Dialoge oder bewusstes Lösen vom Original geht. Da wünsche ich mir mehr Vertrauen in die guten Synchron-Regisseurinnen und -Regisseure, die mit Anime aufgewachsen sind, und mit dem nötigen Wissen und Respekt an den aktuellen Titeln arbeiten. Noch nie gab es so viele Menschen in der Branche, die mit so viel Herzblut an Anime arbeiten, wie aktuell.

Denkst du, der Aufruf hat etwas bewirkt?

Er hat auf jeden Fall ein Problem angesprochen, das nicht unkommentiert hätte bleiben dürfen. Ob sich was verändert, das sehen wir dann.

Wann ist dir selbst dieser toxische Teil der Animecommunity aufgefallen? Durch eine bestimmte Rolle oder das alltägliche Chatten im Internet?

Erst vor ein paar Monaten durch die Ankündigung eines Anime durch einen Publisher. Direkt an mich gerichtete Anfeindungen hatte ich bisher nicht.

Bei den toxischen Kommentaren wird auch sehr oft den deutschen Animesynchronsprechern die Kompetenz abgesprochen, einer Anime-Figur überhaupt eine Stimme zu geben. Wie stehst du zu dieser Aussage?

Auch hier macht wieder ganz klar der Ton die Musik. Einem Kollegen, der seit zehn oder 15 Jahren etabliert ist, so etwas in einem rotzigen Kommentar entgegenzubringen, ist sicherlich nicht angemessen. Dennoch – und das meine ich mit größtmöglichem Respekt vor der Arbeit Anderer – habe ich das Gefühl, dass vielen Kolleginnen und Kollegen, die gerade erst ihren Einstieg ins Synchron gefunden haben, viel zu schnell zu große Rollen aufgelastet werden. Dass es dann zu qualitativen Einschnitten in der Synchro kommt, liegt auf der Hand.

Schuld daran haben aber sicherlich nicht die Schauspielerinnen und Schauspieler vor dem Mikro, sondern eher die Studios und Publisher, denen Besetzungen in manchen Fällen auch nicht wichtig genug sind. Die Branche boomt, täglich kommen gefühlt 30 neue Projekte mit gefühlt 200 Rollen. Wäre ich Aufnahmeleiter, würde ich mich wahrscheinlich auch freuen, Sprecher zu finden, die nicht so viele Voranmeldungen durch andere Produktionen haben, damit die Verfügbarkeit für das eigene Projekt gewährleistet ist.

Was muss man alles mitbringen, um als Synchronsprecher, vorzugsweise im Anime-Bereich, erfolgreich zu sein?

Schauspiel ist die Basis für diesen Beruf. Wer sich nicht in die Figur vor sich hineinversetzen kann, wird ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht gerecht. Es muss keine Schauspielausbildung sein, aber die Erfahrung in dieser Disziplin ist das A und O. 

Privater Schauspielunterricht ist sinnvoll. Ehrgeiz ist wichtig, Hartnäckigkeit und der Wunsch, stetig zu lernen. Wer nicht in Berlin, München, Hamburg, Köln bzw. deren Umgebungen wohnt, sollte sich mit dem Gedanken anfreunden, umzuziehen. Am Anfang richtet sich niemand nach dir. Eventuell bist du der oder die Eine von zehn mit der Chance, dein Können bei einem Ensemble-Termin unter Beweis stellen zu dürfen. Wenn du dann keine Zeit hast, weil du zu weit weg wohnst und das spontan nicht organisieren kannst, bist du raus.

Diverse Privatschulen werben mit einer Ausbildung als Synchronsprecher. Deine Meinung dazu?

Reine Geldmacherei. Große Firmen machen großes Geld mit großen Träumen. Mit einer dieser Firmen habe ich mich eine Zeit lang ein wenig genauer befasst. Die Dozenten dort haben oft keine oder kaum Erfahrung im Bereich Synchron. Auch bekommen Teilnehmer von entsprechenden Workshops genau das Feedback, das sie gern hören wollen, damit man ihnen auch noch die Komplettausbildung andrehen kann. Die Technik vor Ort hat nicht wirklich etwas mit der Technik eines Synchronstudios zu tun. Allein schon, dass man online teilweise mit dem Foto eines Radiostudios für die Synchronsprecherausbildung wirbt, ist schon Grund genug, einen großen Bogen um solche Angebote zu machen.

Wie sieht die Branche diese Möglichkeit der Ausbildung? Gibt es effektive Vorteile, etwa bei der Bewerbung für Anime?

Im Gegenteil. Absolventen werden oft direkt aussortiert. Es ist also eher ein Klotz am Bein. Ich kenne niemanden, dem eine solche Ausbildung irgendeine Tür geöffnet hätte. Dann lieber das Geld in die eigene YouTube-Karriere stecken und hoffen, dass man von einem großen Verleih als werberelevanter Influencer eingekauft wird. Natürlich meine ich das nicht ernst, aber wahrscheinlich habe ich recht.

Was würdest du stattdessen Fans, die am Job interessiert sind, empfehlen?

Wie schon gesagt. Schauspielerfahrung ist die Basis. Unterricht, Schauspielschule, Sprecherziehung, Theatergruppen in der Schule… es gibt so viele Möglichkeiten. In Kombination mit einem langen Atem und Ehrgeiz klappt es dann auch vielleicht.

Und “vielleicht” ist ein wichtiges Wort. Es gibt auch Kollegen, die auf diese Frage mit “bleib dran, dann erreichst du dein Ziel” antworten, aber man muss auch klarstellen, dass es eben sehr viele nicht schaffen. Wenn dich das nicht abschreckt: Go for it!

Gerade am Anfang wird man mit Sicherheit nicht mit Aufträgen zugeschüttet und eine Schauspielschule mit diversen Schulungen wird auch nicht umsonst angeboten. Wie sieht es überhaupt Gagentechnisch aus, sollte man da etwas beachten? Wie läuft die Bezahlung überhaupt in der Branche ab?

Schon die Einstiegsgagen sind, sofern man sich nicht von einem zwielichtigen Hinterhofstudio (ja, die gibt es leider auch) betrügen lässt, für einen schauspielerischen Beruf überdurchschnittlich gut. Man unterteilt die Gage in zwei Arten. Die Grundgage ist ein fester Betrag, der pro begonnenem Aufnahmetag eines Projekts als Vergütung der Rechteabtretung bezahlt wird. Diese beträgt bei seriösen Firmen mindestens 60 Euro und kann, abhängig von Sprecher und Projekt auch schon mal bei 200 Euro landen. Die Takegage ist die Vergütung eines jeden Takes, also eines Aufnahmeabschnittes von durchschnittlich 6 bis 10 Sekunden. Hauptrollen in Anime haben zwischen 50 und 80 Takes pro 22-Minuten-Folge. Aktuell liegen die Takegagen bei 3,00 bis 6,00 Euro, wobei auch hier vereinzelt mehr gefordert werden kann. Alles darunter ist Preis-Dumping.

Abseits der Synchronsprecher gibt es viele Menschen, die bei einer Synchronisation mitwirken, etwa ein Dialogbuchschreiber oder der Aufnahmeleiter. Immerhin holt ein gutes Dialogbuch viel aus einem (vielleicht auch schlechten) Projekt raus. Gerade bei Anime wird diese Arbeit oftmals sehr unterschätzt oder gar nicht wahrgenommen. Wie wichtig sind diese Menschen hinter den Kulissen?

Letztlich sind sie noch wichtiger als die Leute vor dem Mikro. Egal, ob Cutterin oder Tonmeister im Studio, Produktions- oder Aufnahmeleiter, Regisseure, Menschen in der Umspielung oder an den Taker-Systemen. Es gibt so viele wichtige Positionen, ohne die eine Synchronisation nicht möglich wäre. Und die Branche sucht aktuell händeringend nach Mediengestaltern und anderen fachkompetenten Menschen, um die extreme Auftragslage auch in Zukunft noch stemmen zu können.

Wie stark hat sich die Corona-Pandemie auf dich und deine Arbeit ausgewirkt? Gibt es etwas, was sich grundlegend verändert hat?

Ende März 2020 standen in Berlin fast alle Studios einen Monat lang still. Man hat nach Lösungen gesucht, weiterhin deutsche Fassungen aufzunehmen, ohne auf technisch abstruse Lösungen wie “Home-” oder “Cloud-Dubbing” zurückzugreifen. Qualitativ hochwertige Synchronisationen können nicht im Heimstudio entstehen. 

Ensembletermine für Kleinstrollen und Hintergrundmengen gibt es aktuell nicht. Alle Schauspielerinnen und Schauspieler werden einzeln aufgenommen. In den meisten Studios wurden die bisher gedruckten Dialogbücher durch digitale auf Monitoren ersetzt. 

Im Herbst gab es eine kleine Dürrephase, weil über den Sommer in den USA kaum bis gar nicht gedreht wurde, bis die Streamingdienste massiv mit eingekauften Serienlizenzen aus anderen Ländern an den Start gingen. Seitdem steigt das Auftragsvolumen ununterbrochen. Amazon, Netflix, Sky, Disney, und und und… alle wollen Synchronisationen. Und das in immer kürzerer Zeit. Oft kommt das originale Material zu spät oder in unfertiger Version und in der Regel heißt es, Corona sei daran Schuld. So richtig glaubt das in der Branche aber wahrscheinlich niemand mehr, denn die Tendenz ist klar. “Schneller, schneller, schneller!” Das übt einen enormen Druck auf die Kollegen in allen Bereichen aus, denn eigentlich kann die Branche das nicht mehr lange stemmen.

Denkst du, diese Blase wird aufgrund der hohen Auftragslage irgendwann platzen? Welche Konsequenzen gäbe es dann?

Solange es keine klaren Gewinner in der Streaming-Welt gibt, solange werden alle Anbieter produzieren, produzieren, produzieren. Und wenn es soweit ist, wird das sicher Konsequenzen haben, wie damals um die Jahrtausendwende mit der Insolvenz der Kirch-Gruppe. Aber wie das dann genau aussehen wird, darüber mache ich mir aktuell keine Gedanken.

Gibt es noch etwas, was du den Animefans mitteilen möchtest?

Genießt eure Anime so, wie ihr möchtet, kritisiert konstruktiv, wenn euch etwas nicht gefällt und folgt mir gefälligst auf Twitter. Meine Dad-Jokes sind der Knaller!

Vielen Dank für das Interview!

In der Tat sind seine Dad-Jokes super. Hier geht es zu seinem Twitter-Account.

 

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