Start Allgemein Vertrautes Japan Ein Überblick über neue religiöse Bewegungen in Japan

Ein Überblick über neue religiöse Bewegungen in Japan

Ein Überblick über japanische religiöse Bewegungen.

550
0
Führer Religiöse Bewegungen
Führer von neuen Religionen. Zu sehen sind u. a. Makiguchi Tsunesaburō (Soka Kyoiku Gakkai) und Ryuho Okawa (Happy Science). (Bild: apostlesmedia)

Befasst man sich abseits von Anime und Manga mit Japan, kommt man schnell zu einem großen Teilbereich der dortigen Kultur: der Religion. Japan bietet eine Vielzahl an Religionen und Überzeugungen, bei denen man schnell durcheinander kommen kann. Mit diesem Beitrag möchte ich euch einen Überblick verschaffen, was denn die sogenannten neuen Religionen bzw. die neue religiöse Bewegung in Japan ausmacht und welche Unterschiede untereinander existieren.

Dieser Beitrag ist der erste eines Dreiteilers, der sich mit den neuen Religionen aus Japan beschäftigt. In diesem Artikel geht es um die Geschichte einzelner Glaubensrichtungen sowie deren Unterschiede. Anschließend befasse ich mich mit der Werbung der Bewegung, die heute über die Popkultur betrieben wird. Der dritte Bericht umfasst ein Interview mit dem landeskirchlichen Beauftragten für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Herr Dr. Pöhlmann.

Neue Religionen in Japan – eine Aufklärung

In Japan existieren viele neue religiöse Bewegungen. Es sind etwa 9,5 Millionen Einwohner Mitglieder solch einer neuen Religion (sprich jeder siebte) Mitglied. Bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts existierend, gibt es mittlerweile circa über 300 solcher Organisationen in Japan. Zusammenfassen lassen sie sich mit dem japanischen Begriff Shinshūkyō. Dieser lässt sich schlicht mit „neue Religion“ übersetzen, wodurch sämtliche Bewegungen in Japan kategorisiert werden. Diese lassen sich nicht mit den in Japan gängigen  Buddhismus oder dem Schrein-Shintô unterordnen.

Viele dieser Bewegungen entstanden durch die japanische Modernisierung, die um 1868 begann. Dabei näherte sich das konservative Japan dem modernen Westen an. Ein Großteil der damaligen spirituellen Bewegungen wendeten sich dem Buddhismus ab und führten – wie etwa beim Christentum – den Monotheismus ein: Der eine Gott ist dabei der Schöpfer aller Dinge, alle Menschen sind seine Kinder.

Viele neue Religionen, die nach Beginn der japanischen Modernisierung/Verwestlichung entstanden, bekennen sich zu einem monotheistischen Gottesbegriff. Christliche Einflüsse sind dabei unverkennbar. Die neue Religion Seichō-no-ie zählt z.B. das Johannes Evangelium zu ihren heiligen Büchern. Andere identifizieren die einzige Gottheit mit der Sonnengöttin Amaterasu und wollen alle Religionen der Welt durch die Sonnenverehrung vereinigen. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Bewegungen weisen drüber hinaus auch Einflüsse aus dem indischen und tibetischen Buddhismus auf.

Seichō-no-ie Logo Lehre
Das Logo der Seichō-no-ie und deren Hauptlehre

Dabei sind auch andersreligiöse Einflüsse erkennbar

Neue religiöse Bewegungen, die sich vor allem nach dem zweiten Weltkrieg gebildet haben, sind mit der Bezeichnung „Neo-neue Religionen“ definierbar. Diese weisen unter anderem Einflüsse aus dem indischen sowie tibetischen Buddhismus, als auch den amerikanischen Spiritualismus auf.

Effektiv lassen sich die genannten Bewegungen in drei Wellen unterteilen:

  1. Welle:
    Bewegungen, die im 19. Jahrhundert gegen Ende der Edo-Zeit bis zum Beginn der Meji-Zeit (1868 bis zum Tod des Kaisers am 30. Juli 1912.) entstanden sind.
  2. Welle:
    Jene, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die Nachkriegszeit hinein gegründet wurden
  3. Welle:
    Organisationen, die ab 1960 entstanden sind und mitunter „Neo-new Religions“, also Neu-Neue Religion genannt werden.

Weitere Eigenschaften der neuen Religionen

Obwohl es zahlreiche Bewegungen gibt, haben viele ein Merkmal das sie von den traditionellen Formen der Religion abhebt: die starke Einbeziehung der sogenannten Laien-Personen. Mehrere der später genannten Gruppierungen sind aus Laienbewegungen entstanden. Weiter zählen Gottesdienste, wie sie im Christentum zwar gebräuchlich, im traditionellen Buddhismus aber ungewöhnlich sind, ebenfalls zu den Kennzeichen der neuen Religionen. Dazu gehören von allen gläubigen die täglichen Rituale und Gebete. Auch die Gründer der neuen Religionen sind in der Regel charismatische Laien, nicht selten in Form von selbstbewussten Frauen. Diese Gründer werden oftmals als Messias angesehen; sie gelten als Vermittler und Verkünder einer Heilslehre.

Ein weiterer Punkt, den viele Neureligionen vereinen ist die Bereitschaft der Gläubigen, Geld in die Glaubensrichtung zu investieren. Einzelne Gemeinschaften haben dadurch enorme Summen gesammelt, welche in Form von pompösen Tempelbauten oder anderen kulturellen Gebäuden eingesetzt werden. Viele Gründer erklären diesen Erfolg vor allem dank ihrer spirituellen Authentizität sowie der Vermittlung des Glaubens.

Nun befassen wir uns damit, welche neue Religionen in Japan existieren, unterteilt in den bereits erwähnten drei Wellen.

Die erste Welle

Ein Beispiel für die erste Welle wäre wohl Konkōkyō. Im Jahr 1859 Vom Stifter Kawate Bunjirô alias Asakawa Bunji gegründet, hatte dieser eine Art „Einwohnung“ (= Gottes Heimstätte auf Erden) und gründete in seiner Wohnung im selben Jahr die neue Religion. Anschließend  nannte Kawate Bunjirô sich Konkô Daijin (= „Großer Gott Konkô“). Diesen hat er sich auch im staatlichen Melderegister eintragen lassen.

Konkokyo
Das Logo der Konkôkyô.

Während der Einwohnung versöhnte er sich mit Kane-no-Kami (einem Elterngott bzw. Gott der Liebe), die als zornig galt und akzeptierte sie als alleinige Gottheit. Erst nach Kawates Tod zwischen 1883 und 1885 erfolgte die organisatorische Gründung der Bewegung, die ihn als Mittelpunkt aller Überbringungen sah. Daraufhin wurde die Konkôkyô von der zentralen Shintô-Behörde akzeptiert und seitdem als eine der 13 Sekten des „Sektenshintô“ geführt. Seit 1963 wird die Bewegung von Konkô Kagamitarô geführt. Der Hauptsitz von Konkōkyō ist in der Okayama-Präfektur in der Stadt Konkô. Schätzungsweise sind 440.000 Menschen in Japan Mitglieder bei Konkōkyō Mitglied.

Die zweite Welle

Im Gegensatz zur ersten Welle besteht der Unterschied darin, dass die Bewegungen ihre Wurzeln im Buddhismus sehen, meistens aus der Nichiren-Tradition. Neureligionen wie etwa Sôka Gakkai und Risshôkôseikai haben sich etwa dem Lotus-Sutra verschrieben.

Ein Beispiel für die zweite Welle ist Reiyûkai (dt. „Gesellschaft der Freunde der Geister). Im Jahr 1925 gegründet, gilt diese als Vorreiter für viele jüngere Neureligionen in Japan wie etwa der Risshôkôseikai. Gegründet wurde die Reiyûkai von Kubô Kakutarô, seinem Bruder Kotami Yasukichi sowie dessen (zweite) Frau Kotami Kimi. 1923 versuchte Kubô bereits, die Botschaft der Ahnenverehrung als die reine Lehre des Nichiren zu verbreiten, wurde allerdings dem Aberglaubens und des Schamanentums verurteilt und aus der eigenen Familie geworfen.

Für Kubô steht das 20. Kapitel des Bodhisattva Jôfugyô (Sadāparibhūta) im Fokus. Dort wird von der gesetzlosen Endzeit berichtet: Die Seelen der Verstorbenen gelangen in der neuen Religion zu ihrem Recht, ihr Wohlergehen hat das Wohlergehen der gläubigen Verehrer zur Folge. So wird die Seele des Gründers seit seinem Tod 1944 als Buddha verehrt, während die Seele von Kotani Yasukichi nur auf dem Rang des „kami“ rangiert. Traditionelle, aus dem Konfuzianismus stammende familiäre Werte, wie etwa die Ehrung der Alten und die Pflege von Pflichtbeziehungen sind Teil der Lehre und Erziehung. In dieser spielen auch die Frauen eine große Rolle. Seit 1971, dem Todesjahr Kotani Kimis, wird die Religionsgemeinschaft von Kubô Tsugunari geleitet. Schätzungen zufolge zählen die Reiyûkai ca. 5.140.000 Mitglieder und hat dabei ihr Hauptquartier im Stadtteil Azabu in Tokyo.

Eine weitere Gemeinschaft, die 2019 medial bekannt wurde und der zweiten Welle zuzuordnen ist, wäre die Vereinigungskirche des Koreaners Sun Myung Moon. November 2019 wurde bekannt, wie eine von der Vereinigungskirche verbannter Vater seine Familie mit Vorbild der Vereinigungskirche isoliert aufzog und dabei komplett von der Zivilisation abschnitt. Erst durch den Fluchtversuch eines Sohnes ist es aufgeflogen.

Die dritte Welle (nach 1980)

Bevor wir uns dem eigentlichen Thema, der Happy Science widmen, machen wir einen Schwenker zur Aum Shinrikyō-Gruppierung (dank der Medien in Deutschland auch als  Aum-Sekte bekannt). Diese lässt sich wie die Happy Science, zur dritten Welle kategorisieren.

Gegründet 1984, besaß die Gruppe, die heute unter dem Namen Aleph bekannt ist, tiefe Wurzeln in der buddhistischen, shintôisischen und volksreligiösen Tradition Japans. Der Gründer Asahara Shôkô (bürgerlicher Name Matsumoto Shizuo) war bereits als Kind Mitglied der an dem Agama Sutra des Theravada-Buddhismus orientierten Agon-Vereinigung. Auch diese war eine 1954 gegründete neue religiöse Bewegung. Diese verließ er 1984. Seit 1987 neigte sich der auf einem Auge blinde Asahara, dem Mahayana-Buddhismus japanischer Prägung zu und erlangte 1989 den Status der religiösen Körperschaft.

Was ist die religiöse Körperschaft?
  • Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, die Körperschaft sind, haben einen öffentlich-rechtlichen Status eigener Art. Zu den besonderen Rechten, die den Gemeinschaften verliehen werden, zählen beispielsweise
  • das Recht zum Steuereinzug bei ihren Mitgliedern
  • die Dienstherrenfähigkeit (Möglichkeit, die Rechtsstellung ihrer Bediensteten öffentlich-rechtlich auszugestalten)
  • die Rechtssetzungsbefugnis(für eigenes Binnenrecht, z.B. Regelungen zur innerkirchlichen Organisation und zum Mitgliedschaftsverhältnis)
  • das Recht kirchliche öffentliche Sachen durch Widmung zu schaffen

Vom Agon-Gründer Kiriyama Seiyû übernahm er die Wertschätzung des Yoga mit dem Ziel der endgültigen Befreiung (Samadhi), sowie der Verehrung des Gottes Shiva und ihm selbst. Bis 1990 versuchte er mit der kleinen Gruppe um die kollektive Errettung des Landes und der Welt. Anschließend wurde die Gruppe immer radikaler und sah sich dabei als ein „Staat im Staate“. Auf dieser Basis wurde im militärischen Stile aufgerüstet und ein Giftgasanschlag im Herbst 1994 (Matumoto), als auch im März 1995 (Tokyo) ausgeübt. Dadurch wollte man dem Ziel der Gruppe, der Befreiung, näher kommen.

Bis 2018 wurden alle 13 Todesstrafen der Anhänger der Aum-Sekte vollbracht. Bild: Gruppenführer Asahara Shôkô.

Es wurden gesetzliche Änderungen nach den Anschlägen vereinbart

Durch die Anschläge gab es in Japan eine Inangriffnahme einer grundsätzlichen Neufassung des „Gesetzes über religiöse Körperschaften“. Die Aum Shinrikyō-Gruppierung gilt seither in vielen Ländern als Terrororganisation und wird auch unter dem neuen Namen in Japan streng beobachtet. 2018 wurde der Führer der Glaubensgemeinschaft, Asahara Shôkô in Japan hingerichtet.

Happy Science – der Inbegriff einer modernen neuen Religion

Happy Science ist eine 1986 unter dem Namen Kôfuku-no-Kagaku (dt. etwa Wissenschaft vom Glück) gegründete und 2008 umbenannte neue Religion von Okawa Ryûhô. Nakagawa Takashi, so der Geburtsname von Okawa gründete mit 30 Jahren die Religionsgemeinschaft, dessen Ziel es ist, eine global agierende Religion zu werden.

Die Message, die bei der Happy Science gelehrt wird besteht aus einem komplexen Konstrukt, bei der verschiedene „Dimensionen“ und Charaktere erscheinen. So erlangte Okawa 1981 die große buddhistische Erleuchtung und erwachte den verborgenen Teil seines Bewusstseins. Dieser trägt den Namen „El Cantare“. So ist El Cantare etwa eine Reinkarnation des Shakyamuni Buddha. Dieser habe ihm dann im geistigen Zustand neben Mohammed, Christus, Buddha, Konfuzius und Mozart jene vier Prinzipien des Glücks beigebracht:

  1. Prinzip der Liebe,
  2. der Weisheit,
  3. der Reflexion und
  4. der Entwicklung.

Das Prinzip der Weisheit bezieht sich zum Beispiel dabei um die Wahrheit Gottes, wie sie sich in den Zehn Geboten Mose, Jesu‘ Lehre von der Liebe erweist. Auch ist der  achtfachte Pfad des Buddha Shakyamuni wichtig. Owaka dient dabei als Medium der Weisheiten und Botschaften aller (berühmten) Personen, die ihm begegnet sind.

Insgesamt soll Okawa seit 1986 über 2.500 Bücher geschrieben haben, um sein Wissen an dessen Jünger weiter geben zu können. Viele der Bücher sollen allerdings rohe Transkripte ohne offizieller Veröffentlichung sein.

Happy Science wird nachgesagt, wie ein Wirtschaftsunternehmen zu agieren. Es existiere ein Vorstand sowie mehrere Unterabteilungen, die es El Cantare ermöglichen, Dienststellen neben Berlin auch in Sao Paulo, New York, Seoul zu betreiben. Experten schätzen weltweit eine Mitgliederzahl von 300.000 bis 500.000 Personen. Die Organisation ist seit 2009 mit der Happiness Realization Party auch politisch in Japan aktiv, konnte sich bislang aber nicht festsetzen. Die Partei gilt als nationalistisch-rechts.

 Vielfältigkeit in Japan – auch in der Religion vorhanden!

Passend zum Thema: Auch Südkorea aktuell im Fokus

Ebenfalls zur dritten Welle gehörend ist die 1984 gegründete Shincheonji-Kirche. Diese steht in Verdacht, als „Super Spreader“ für die hohe Infektionsrate des SARS-CoV-2 in Südkorea verantwortlich zu sein. Außerdem ist bekannt, dass die Kirche ebenfalls in Deutschland aktiver wird.

Weiter geht es im zweiten Teil der Artikelreihe! Da befasse ich mich mit der medienwirksamen Vermarktung der Happy Science!

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein